• Marcel Peter

Kommunikation x Immersion: Die Zeit zum Eintauchen in die digitale Transformation ist jetzt!

Aktualisiert: 15. Okt 2019

Letzte Woche habe ich die letzte Klausur meines Hochschullebens geschrieben. Was folgte, war Erleichterung, die sich danach immer einstellt – aber auch Nachdenklichkeit, dass es das mit der Studienzeit nun schon fast gewesen ist. Angst macht mir das zwar nicht, was nun folgt. Und dennoch weiß ich: Im Berufsleben und -alltag wird es wohl nicht gerade einfacher, mit den Entwicklungen in unserer Profession immer Schritt zu halten. Ich denke daran, wie viel sich allein in den vergangenen fünf Jahren seit meinem Studienstart im und um das Kommunikationsmanagement getan hat, wie schnell die Slidesets der Dozierenden veraltet waren, wie sich die Anforderungen an die Kommunikator*innen in Organisationen in alle Richtungen verbreitern. Das Studienende ist auch für mich nur der nächste Anfang.


In der Bildungs- und Arbeitspolitik gibt es seit jeher die Forderung nach „lebenslangem Lernen“. Ich möchte damit direkt anfangen und nicht auf die vielbeschworene Midlife-Crisis warten: Also nehme ich den Zeitpunkt meines anstehenden Master-Abschlusses zum Anlass, heute mit meinem Blog Kommersion zu starten. Mit dieser Plattform will ich einerseits zur digitalen Weiterbildung von Kommunikator*innen beitragen, andererseits auch mir selbst einen Ort schaffen, wo ich die digitale Transformation der Unternehmenskommunikation kommentieren, über sie philosophieren, mich mit anderen Young Professionals und alteingesessenen Kommunikator*innen über sie austauschen kann. Daten sind das neue Öl und sollen hier gefördert werden – im doppelten Sinne.


Kommersion? Was soll das sein? Wie der Titel es schon verrät, handelt es sich beim Namen des Blogs um ein Kofferwort aus den zwei Teilen Kommunikation, um die sich hier naturgemäß alles drehen wird, und der Immersion, die verschiedene Bedeutungen trägt. Wie folgt:


1. Reinspringen statt Zuschauen

Häufig hilft es ja, einen Begriff in den gewünschten Kontext einzubetten, indem man zunächst das Gegenteil beschreibt: Auf einem Google-Blog schreibt der Autor, dass Immersion im Kontrast zur Metapher des „Fensters“ steht, in der man das Geschehen lediglich von außen betrachtet. Die eine Welt, in der sich das Subjekt befindet, ist durch das Fenster klar von der Außenwelt separiert.

Synonym zu Immersion wird häufig das Verb Eintauchen verwendet, das vom Spätlateinischen „immersio“ (dt. „Eintauchung“) stammt. So beispielsweise in der Astronomie, wo Immersion sinngemäß das Eintauchen eines Himmelskörpers in den Schatten eines Planeten beschreibt, wie es zum Beispiel bei einer Mondfinsternis zu beobachten ist. Mit Astronomie soll sich dieser Blog zugegebenermaßen eher weniger beschäftigen – das Eintauchen ist jedoch ein sehr passender Grundgedanke, wie ich finde: Statt nur zuzuschauen, wie sich die Kommunikation und unser Handlungsrahmen verändert, gilt es nunmehr, selbst und ganz persönlich in die Transformation „reinzuspringen“. Die gestalterische Anmutung des Blogs lässt bereits vermuten, dass dem Wasser und der Tiefe hier eine besondere Bedeutung zuteil wird. Das metaphorische Eintauchen in die Digitalität ist das Leitmotiv meines Blogs. Raffiniert, oder?


2. Gebrauch statt Instruktion

Eine zweite Bedeutung trägt Immersion in Sprachwissenschaft und Erziehung: Hierunter wird das Erlernen einer Fremdsprache durch Gebrauch statt durch Instruktion verstanden. Im schulischen Umfeld fällt darunter beispielsweise ein Spanischunterricht, der bereits frühzeitig zu großen Teilen oder ausschließlich auf Spanisch vollzogen wird, um die frühe, eigene Sprachanwendung der Lernenden zu fördern.

Im Zusammenhang der digitalen Transformation der Unternehmenskommunikation sind für mich allerdings andere Sprachen als die typischen Fremdsprachen relevant: Programmiersprachen und Algorithmen. Führende Wissenschaftler*innen im Bereich Kommunikation betonen, dass grundlegende Programmierkenntnisse für uns essentiell sein werden – und zwar nicht nur für diejenigen, die selbst Applikationen programmieren. Wir als Kommunikator*innen müssen Code verstehen, um Potenziale und Gefahren der Nutzung für unsere Zwecke einschätzen zu können. Ich selbst habe im vergangenen Semester die Grundlagen der Programmiersprache „Python“ gelernt und mich in Informatikkursen in die Gedankenwelt der ITler*innen und Programmierer*innen begeben. Davon werde ich später noch berichten.

Es gilt in dieser Immersionsdimension, sich selbst proaktiv mit IT auseinanderzusetzen und nicht mehr nur auf Veränderungen zu reagieren. Nicht nur den fertigen Code vom Zulieferer oder der internen IT für die Kommunikationsabteilung in Empfang zu nehmen, sondern vorher mitwirken. Um weiteren Insellösungen entgegenzuwirken, wie sie seit Jahren in IT und Marketing produziert werden, müssen interdisziplinäre Teams aus den so unterschiedlichen Typen Mensch wie Kommunikator*innen und ITler*innen sich verstehen lernen und kooperieren.


3. Die Grenzen verwischen

Zuletzt kam der Immersionsgedanke oder auch immersives Marketing im Bereich Virtual Reality (VR) häufiger zur Erscheinung. Sie hat ihre Anfänge in der filmischen Immersion, die sich bei fesselnden Filmen einstellt: Gemeint ist damit ein illusorischer Bewusstseinseffekt, der die Grenzen zwischen medial vermittelter Welt und Realität aufzuheben scheint. Unterscheiden kann man zudem zwischen mentaler und physikalischer Immersion: Während erstere jede*r sicherlich schon einmal bei einer spannenden Buchlektüre erlebt hat, haben digitale Technologien wie VR ermöglicht, dass über die Geräte auch körperliche Sinne angesprochen werden. Das Gleichgewicht wird zur Illusion verleitet, indem das Gehirn das Gesehene für „real“ befindet. Wer schon mal während einer VR-Achterbahnfahrt vom Stuhl gefallen ist, weiß wovon ich rede.

Aber was hat das nun mit der Unternehmenskommunikation zu tun? Eine Brücke kann die Frage nach der „Präsenz“ sein: Befinden wir uns noch in der traditionellen, analogen Umgebung außerhalb der metaphorischen VR-Brille – oder führt die Digitalisierung unserer Arbeitsumgebung und unseres Alltags nicht längst zu einer digitalen Präsenz, zu mehreren digitalen Identitäten im Privat- und Berufsleben? Im VR-Bereich wird mit verstärkter Immersion in die digitale Welt auch ein höheres Involvement der Nutzer*innen festgestellt – Involvement? Da klingelt doch das Gespür des KPI-besessenen Kommunikator*innen. Wie steht es aber um das eigene Involvement der Kommunikator*innen im Zusammenhang mit der digitalisierten Arbeitswelt? Die Antwort: Ausbaufähig.

An dieser Stelle wird häufig der European Communication Monitor zitiert, der jährlich und europaweit Kommunikationsverantwortliche beispielsweise zu den zentralen Trendthemen wie Chatbots, Big Data und Co. befragt. Kirf und Eicke haben erste, vergleichbare Studien zum Thema KI gemacht. Ohne genaue Zahlen zu nennen: Die Erkenntnisse sind bei digitalen Themen tendenziell ähnlich. Ja, die Technologie wird unser Berufsbild verändern und signifikanten Einfluss auf uns haben – und nein, so richtige Lösungen haben unsere Abteilungen in diesen Bereichen noch nicht implementiert.


Diese Dissonanz lässt den Schluss zu, dass viele Kommunikator*innen noch Vorbehalte oder Berührungsängste gegenüber Technologien wie Künstlicher Intelligenz und Big Data haben. Sie sind bisher noch nicht in die digitale Transformation „eingetaucht“, sondern blicken aus dem genannten, gegenteiligen „Fenster“ von außen auf diese Entwicklungen. Die Tragweite für das eigene Berufsbild haben viele noch nicht richtig begriffen. Polemisch formuliert: Hinter dem Schutz der Fensterscheibe wird man nicht nass, wenn es regnet. Ich bin jedoch der Meinung, dass es ganz schön reinregnet. Wir können uns nicht ewig verstecken. Friesennerz an und raus!



Mit diesem Blog möchte ich meinen Leserinnen und Lesern die Gelegenheit anbieten, mit mir ins sprichwörtliche kalte Wasser der digitalen Postmoderne zu springen. Wie können wir der ausschwärmenden Individualisierung und Granularität in den Stakeholdergruppen, in der Gesellschaft der Singularitäten begegnen? Wir müssen Gewohnheiten und alte Denkweisen aufgeben und uns in Teilen, wenn auch nicht vollständig, neu erfinden – das sagen zumindest Experten aus der Wissenschaft, denen wir mal glauben wollen. I agree. Allerdings fordern sie das seit über zehn Jahren – mit bisher eher mäßigen Konsequenzen in der Praxis. Wir müssen weiter zuversichtlich sein, denn universelle Problemlösungsstrategien, Schnittstellenkompetenzen, der Umgang mit Vertrauen und ein genereller Pragmatismus im Auge einer ungewissen Entwicklung liegen doch eigentlich in unserer DNA. Nicht verzagen, Fortschritt wagen!


Photo by Zen Maldives on Unsplash

Ich werde zu Themen wie Künstlicher Intelligenz, Big Data & Co. eigenen Content produzieren und interessante Erkenntnisse aus den Fachgebieten auf die Unternehmenskommunikation und mögliche dortige Auswirkungen spiegeln – stets in einer ermutigenden und reflektierten Tonalität und in breit verständlicher Sprache. Für uns alle sind diese Themen häufig noch eine Blackbox, die im Tiefen, im Ungewissen und im Dunklen (aber nicht im Darknet) liegt – also auf dem Grund des Ozeans, sozusagen. Die Entwicklung ist ergebnisoffen, anders als bisherige Veränderungsprozesse. Kucklick schrieb treffenderweise: „Digitalität heißt ewige Vorläufigkeit“, der eine oder andere mag auch schon einmal etwas von „Perpetual Beta“ gehört haben. Ich kann also gewiss keinen vollwertigen digitalen Tauchschein für Kommunikator*innen anbieten, der ein Programm von A bis Z abarbeitet. Ich bin aber fest davon überzeugt, als progressiver und digitalaffiner Kommunikationsenthusiast Inspiration liefern zu können, wie man bereits heute an seiner persönlichen Digitalfitness tüfteln kann – auch ohne, dass der/die Vorgesetzte es verordnet oder eine Prüfungsleistung extrinsisch dazu antreibt. Die typischen Prüfungsleistungen und die Klausuren gibt es nicht mehr – dafür aber eine dringende Notwendigkeit, mit unserem Berufsbild den Anschluss im digitalen Wandel nicht zu verlieren. Wir wollen den dauerhaften Wandel als Kommunikator*innen federführend prägen können. Der Zeitpunkt zum Eintauchen ist jetzt.


Schreibt mir gern in die Kommentare oder als Direktnachricht, was ihr Euch von diesem Blog erwartet und welche Themen und Formate Euch besonders interessieren. Ich freue mich auch, wenn ihr meinen Social Channels folgt, um die kommenden Beiträge nicht zu verpassen. Auch generelles Feedback nehme ich mir gern zu Herzen (tl:dr oder okay so?). Bis dahin: Vorsicht beim Reinspringen in zu flache Gewässer!

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