• Marcel Peter

IT & Kommunikation: Unvereinbare Welten oder perfekte Symbiose?

Aktualisiert: 15. Okt 2019

Vom dunklen Kellerabteil in die Führungsetagen: Die IT und ihre Repräsentanten haben in vielen Organisationen in den vergangenen Jahren einen symbolischen wie faktischen Aufstieg erlebt und liefern bei vielen Playern auf Märkten aller Branchen heute den entscheidenden Wettbewerbsvorteil. Gleichzeitig sind vermeintlich anachronistische Stereotypen über den „Informatiker“ und „Nerd“ noch immer in vielen Köpfen verankert. Mitunter genau auf der entgegenliegenden Seite des Typenspektrums befinden sich wir Kommunikator*innen, die sich selbst häufig als offene, extrovertierte Netzwerker*innen verstehen. Ich frage: Wie geht das in Zeiten der digitalen Transformation und der unumgänglichen Kooperation zusammen? Eine Analyse mit zwei Beispielen.


Im vergangenen Auslandssemester bin ich mal ausgebrochen. Nach mehreren Jahren Kommunikationsstudium wollte ich die fachliche Blase verlassen und mich stattdessen bei eigenem Leibe in mir unbekannte Informatikerkreise begeben. Also habe ich an der University of Ljubljana fast ausschließlich Kurse aus dem Bereich Wirtschaftsinformatik belegt. Viel wichtiger als ein paar neue Wissensbausteine zu Cloud Computing oder Information Systems war für mich a posteriori aber die Erfahrung im Umgang mit den dortigen Kommiliton*innen und Professor*innen. Beruflich und akademisch setzen diese sich, zumindest auf den ersten Blick, mit ganz anderen Fragestellungen auseinander. Und auf den zweiten Blick?


Es verwundert nicht, dass ITler*innen belastbare, harte Daten wertschätzen. Dinge, die sich mathematisch berechnen lassen und naturwissenschaftlichen Gesetzmäßigkeiten folgen. Blickt man in der Planung eines Projektes wie der Implementierung einer neuen Applikation innerhalb der Organisation jedoch in die Zukunft, ist es um die Belastbarkeit von Daten schnell geschehen. In Kosten-Nutzen-Analysen werden bestehende und potenziell neue Systeme miteinander verglichen. Problem: Intangibles – also Kosten und Nutzen, die nicht bezifferbar sind, kommen den zukunftsgerichteten Berechnungen in die Quere. Gleichzeitig gewinnen sie heute auch noch zunehmend an Bedeutung für den Erfolg der Projekte. Beispiele sind die Qualität, der Einfluss auf die Produktivität, aber auch die Adaptionsfähigkeit der Mitarbeiter*innen an die mögliche neue Applikation, die schwer greifbar und kaum in Zahlen zu fassen sind. In den Analysen werden dann verschiedene Scoring-Methoden eingesetzt, um die Intangibles zu bewerten und quantitativ in Prognosen einfließen zu lassen.


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Wem kommt das bekannt vor? Richtig, im Kommunikationsumfeld sind immaterielle Werte eher der Standard als das Beiwerk. Seit vielen Jahren kämpfen wir mit der Herausforderung, den Einfluss unseres Wirkens auf den unternehmerischen Erfolg zu beziffern. Im Rahmen des Communication Controlling werden dazu fortlaufend Methoden entwickelt – ein Klassiker ist das Wirkungsstufenmodell, neuere Ansätze funktionieren über Big Data Analytics. Eine einfache wie logische Schlussfolgerung: Kommunikator*innen sollten mit ihren Erfahrungen hieraus in das IT-Projektmanagement stärker einbezogen werden. Zumindest in den meisten Leitfäden und Handbüchern der IT-Governance ist das bisher nicht vorgesehen, weil dort lediglich IT und Management gegenübergestellt werden. Wir sind in der Organisation vernetzt, kennen über die Erfahrungswerte der internen Kommunikation die Mitarbeiter*innen und können daher wichtige Insights zu einigen der genannten Intangibles liefern. Damit werden die eher rationalen Perspektiven aus der IT ergänzt und insgesamt bessere Ergebnisse erzielt. Im Gegenzug ermöglichen gut implementierte Technologien, für die ITler*innen bekanntlich an der Quelle sitzen, auch unseren Abteilungen eine effektivere Bemessung von Reputation & Co. – ein Win-Win, wie es eigentlich im Buche stehen sollte.


Anderes Beispiel: Auch in der IT-Governance (z. B. beim gängigen Framework COBIT) werden traditionelle Balanced Scorecards nach Kaplan & Norton eingesetzt, allerdings mit ordentlicher Schlagseite. Oft fehlt es der IT an Verständnis für die Bedürfnisse operativer Geschäftsbereiche (Anm.: andersherum genauso). Informations- und Technologieziele werden mit großer Mehrheit der Finanz- oder Prozessdimension zugeordnet, die aus IT-Perspektive leichter greifbar sind. Die stärker kommunikationsbezogenen Dimensionen für Kunden sowie Lernen/Wachstum finden dort nur spärliche Beachtung – und wenn, dann ist die Einordnung der Ziele unscharf, weil dort beispielsweise auf externe Begebenheiten wie Gesetze und Regularien Bezug genommen wird, die sich über die gängigen Wege nicht selbst beeinflussen lassen. Von einer richtigen Balance kann also eigentlich nicht gesprochen werden. Mein Vorschlag: Gemäß der Corporate Communication Scorecard von Prof. Ansgar Zerfaß und Kollegen ließe sich für mehr Trennschärfe eine fünfte, gesellschaftspolitische Dimension auch in den IT-bezogenen Scorecards einführen und die Felder jeweils mit danach ausgerichteten Kommunikationsprogrammen unterlegen. Dadurch wird Kommunikation bereits integraler Bestandteil des IT-Managements und eine engere Anbindung an die entsprechenden Abteilungen forciert.



Anhand dieser zwei Beispiele habe ich illustrieren wollen, wie ich durch meine Kommunikationsbrille auf IT-Governance & Co. geblickt und meine abweichenden Erfahrungen in die Kurse eingebracht habe. Das ist nicht neu, auch Kommunikationswissenschaftler wie Prof. Seidenglanz haben sich bereits mit den dortigen Berufsbildern beschäftigt und mit zuständigen Organisationen wie der ISACA für Studien kooperiert. Auch vonseiten der IT sind jüngst Praxishandbücher zu IT-Kommunikation erschienen, die Informatikern den Zugang zur Nutzerperspektive und ihrer neuen Rolle in den Organisationen erleichtern sollen. Bei Großkonzernen wie Daimler gibt es ganze Abteilungen für IT-bezogene Kommunikation. Aber: Das ist alles noch vergleichsweise frisch. Meine persönlichen Erfahrungen haben mir gezeigt, dass hier noch viele ungenutzte Potenziale schlummern und sich die Herangehensweisen an Projekte noch stark voneinander unterscheiden. Noch klafft eine Lücke zwischen der IT- und der Business-Sprache – warum sollen wir nicht federführend als „Transmissionsriemen“ fungieren?


Eine weitere Ursache für zu geringe Kooperation zwischen IT und Kommunikation: Noch immer sitzen Vorurteile auf beiden Seiten tief. Das lässt sich sehr gut an einem der jüngsten Twitter-Trends beobachten: Angehörige eines Berufsstands bringen dort den Stereotyp, der sie tagtäglich begleitet, in wenigen Zeichen auf den Punkt. Informatiker und Entwickler haben besonders häufig mitgemacht und ihr oft unvorteilhaft zugeschriebenes Rollenbild geteilt – nachzulesen in einer Galerie bei t3n. Wir müssen als Kommunikator*innen Vorreiter in Organisationen und der Gesellschaft sein, daher zählt es auch zu unseren Aufgaben, diese vorherrschenden Vorurteile abzubauen und den ersten Schritt zu machen, wo das noch nicht geschehen ist.


Schaut man beispielsweise auf den Fachkräftemangel in den technischen Berufen, so ist es doch nicht verwunderlich, warum gerade viele junge Frauen sich in ihrer Berufswahl lieber anders orientieren, weil sie von dem postulierten Bild der vermeintlichen Nerdhaftigkeit abgeschreckt werden. Ich bin dennoch optimistisch, dass wir auf dem richtigen Weg sind: Gut die Hälfte meiner Kommiliton*innen in Slowenien waren auch in diesen Studienfächern weiblich. Ich will hier damit keineswegs anfangen, selbst Geschlechterrollen überzustrapazieren. Dennoch mag an einer Theorie etwas dran sein: Gerade ihre universelle Problemlösungskompetenz unterscheidet laut KI-Forscher Jürgen Schmidhuber viele Frauen von Männern. Letztere sind demzufolge häufig eher durch tiefe Tunnelbegabungen gekennzeichnet. Nun ist beides ist für Fortschritt aller Art immens wichtig, die Weiterentwicklung auf der technischen Seite (die selbstverständlich auch genauso von Frauen vorangebracht werden kann), aber auch die Vernetzung und Kooperation mit anderen Geschäftsfeldern und Abteilungen. Die Anschlussfähigkeit an Kommunikation & Co. muss von Beginn an mitgedacht werden. Meine These: Mehr Frauen in der IT würden die letztgenannte Komponente verstärken. Also: Employer Branding und IT-Fachkräftegewinnung einerseits priorisieren, auf der anderen Seite aber als Kommunikator*innen auch selbst die stärkere Vernetzung mit der IT-Abteilung in der eigenen Organisation suchen. Wenn wir gemeinsame Problemfelder wie in den obigen Beispielen identifizieren und angehen, ist schon viel gewonnen. Eine echte Symbiose gelingt nur dann, wenn beide Seiten ihre angestammte Komfortzone verlassen und in andere Gedankenwelten innerhalb und außerhalb der Organisation eintauchen. Und wenn wir daran arbeiten, dass sich diese Gedankenwelten mittelfristig nicht mehr so stark widersprechen. Schnittstellen gibt es bereits genug.


Im nächsten Blog-Beitrag stelle ich das Thema meiner Masterthesis vor. So viel sei schon verraten: KI ist als das Thema des Wissenschaftsjahres 2019 und als auch dieses Blogs natürlich ein integraler Bestandteil – ich werde aber nicht nur die Kommunikationsperspektive auf Technologien bespielen, sondern vielleicht unsere Profession als Kommunikator*innen insgesamt neu beleuchten. Was 1 Teaser – ich bin selbst gespannt, ob das was wird...

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